Disconnectedness – die neue Unverbindlichkeit

von Heinz-Detlef Scheer

Persönliche Freiheit oder Endstation Einsamkeit?

Ein kleiner Musikverlag lud zu einem Hauskonzert einer ungewöhnlichen amerikanischen Cellistin ein. Kostenlos. In das wunderschöne Wohnzimmer eines altbremer Hauses passen 25 Menschen, wenn sie sehr eng sitzen. Auf allen Sitzmöbeln, die das Haus zu bieten hat und die die Gastgeber seit Stunden herbeigeschleppt haben. Ich fühlte mich geehrt und bewirkte, das zwei meiner guten Bekannten, die Cello lieben, auch eine Einladung bekommen. Ich freute mich wochenlang auf den Abend. Es ist ein ungewöhnliche Musikverlag mit weltweiten Aktivitäten und sehr ungewöhnlichen Musikern. Es standen bis zu dem Abend des Konzerts mindestens zehn Personen auf der Warteliste. Das wussten meine Bekannten. Sie sagten knapp 10 Minuten vor dem Konzert ohne jede Not ab. Sie hatten einfach keine Lust. Ihre Plätze blieben leer.

Immer mehr Menschen leiden darunter, dass Verabredungen jeder Art – ob geschäftlich oder privat – immer unverbindlicher werden. Die andere Seite der Medaille: Ein Chef verlangt von seiner Mitarbeiterin tag und nacht ansprechbar zu sein. Ohne triftigen Grund. Eine Managerin kann sich nicht zum Seminar anmelden, weil sie knapp vier Wochen vor dem Seminar nicht sagen kann, ob sie einen Termin hat, der seit acht Monaten verschoben wird, weil ihr Chef von seinem Chef immer wieder herumgeschubst wird. Von einem Termin zum nächsten.

Die Urlaubsbuchung eines Familienvaters muss storniert werden, kurz darauf wird der dafür „ursächliche“ und kurzfristig hereingenommene Termin storniert, die Urlaubsreise mit Familie ist inzwischen ausgebucht und nun der Urlaub ganz gestrichen. Der Mitarbeiter zahlt die Stornogebühr von 250,00 €, die der Chef nicht übernimmt. Für Seminare wird es schwierig Hotels zu buchen, weil das Stornorisiko niemand mehr eingehen will. Entweder melden sich einen Tag vor Beginn plötzlich 4 neue Teilnehmer oder es wird zwei Tage vorher abgesagt. Nicht wegen eines Todesfalles. Nein, „einfach so“!

Arbeitsverträge schrumpfen schon im Normalfall auf befristete Verträge von 1-2 Jahren oder weniger zusammen. Davon können wiederum Leih- oder Zeitarbeiter nur träumen. „Komm ich heute nicht, komme ich morgen!“ Das gilt inzwischen als normal. Es wird gar nicht als „vage“ oder „unzuverlässig“ gesehen, sondern als persönliche Entscheidungs“freiheit“ empfunden!

Nach einer kurzen Phase des „Ich werde wohl alt und früher war alles besser…!“ führte ein intensiver Austausch anlässlich eines Arbeitskreises vor einigen Wochen zu der Einsicht, dass es nicht nur ein der Nostalgie geschuldetes Wahrnehmungsphänomen ist, sondern eine sich ausbreitende Unverbindlichkeits-Plage mit gesellschaftlichen Dimensionen. Wohl jeder der Kollegen hatte mindestens eine passende haarsträubende Geschichte beizusteuern. Das Entsetzen war groß angesichts der Dimension dieser Form des „Umgangs“ miteinander.

Denn nach dieser „Freiheit“, die eigentlich eine Unverbindlichkeit ist, kommt Einsamkeit und schließlich Handlungsunfähigkeit. Jegliche Form zwischenmenschlicher Kooperation wird so erschwert. Unsere gesellschaftlichen, unternehmerischen und auch politischen Erfolge leben aber von der Verbindlichkeit der beteiligten Personen, mit der diese Verträge und Vereinbarungen eingehen. Wenn wir uns nicht mehr aufeinander verlassen können, setzen wir letztlich unsere Demokratie aufs Spiel. Auch wenn das jetzt ein bisschen hoch gegriffen erscheinen mag! Aber gerade die lebt davon, das bestehende Regelungen ohne wenn und aber eingehalten werden. Ansonsten laufen wir Gefahr eine soziale Degeneration, schließlich eine gefährliche Dekadenz zu erleben, in der es immer leichter wird, bestehende Regelungen auszuhebeln. Man denke nur daran, was passiert wäre wenn der Protest eines ausländischen Politikers im März 2016 dazu geführt hätte, einen satirischen Beitrag im Deutschen Fernsehen zu streichen! Einfach nur, weil wir uns nicht mehr an unser eigenes Grundgesetz halten!

Im Kleinen führt die Unverbindlichkeit dazu, dass Individuelle Pläne sozusagen „zusammenhanglos“, also völlig unabhängig von anderen daran beteiligten Personen gemacht werden. Eine wohl noch extremere Form der „Konsumgesellschaft“, wogegen das, was unsere 68er Freunde damit meinten, geradezu lächerlich wirkt.

Disconnectedness – Leben in Zeiten des Chamäleons

Prof. Lippman beklagt zurecht in seinem Buch „Identität im Zeitalter des Chamäleons“[1], dass uns Institutionen, die uns früher durch unsere Lebenszeit geleitet haben wie Kirchen, regionale Bräuche usw. zunehmend verlorenen gegangen sind. Wir haben erst gesellschaftliche Zwänge abgelegt wie gebrauchte Kleidung und das ist auch gut so. Für den Einzelnen wird es trotz laufend wachsendem Angebot dann aber immer schwieriger, seine Identität zu finden, sich also mit irgendetwas tatsächlich erkennbar zu identifizieren. In einer ständig anschwellenden Flut von pausenlos zugänglichen Informationen wird es allmählich schwierig, so etwas wie Zugehörigkeit zu empfinden. Hier wird Individualität zur Orientierungslosigkeit. Das menschliches Grundbedürfnis der Zugehörigkeit oder gar der bedingungslosen Akzeptanz kann nicht mehr bedient werden.

Mein Bekannter Rolf empfindet bereits die lückenlose Durchstrukturierung seiner „Freizeit“ mithilfe von Outlook als fundamentalen Schritt zu einer befriedigenden Life-Work-Balance. Trotzdem wirkt er nicht zufriedener. Seine Quintessenz aber für den Moment: Ich habe jetzt mehr Möglichkeiten. Ich kann ja jederzeit wieder absagen, das sind doch alles nur Optionen!

Vielleicht ist er am Ursprung des Problems angelangt: Er kann offenbar „Auszeiten“ für sich nur noch (an)erkennen, indem er anderen gegenüber Verabredungen absagt oder sich selbst immer wieder Striche durch die Planung macht. Wie kann man davor Angst haben ein paar Stunden nichts zu tun oder geplant zu haben? Der psychologische Unterschied ist der, sagt Rolf: „Zeit, die nicht verplant ist, bringt Langeweile und deswegen Stress!“ und „Zeit, die man sich als Auszeit „nimmt“, indem man etwas gezielt nicht tut, ist Chill-Zeit, und bedeutet deswegen Erholung“. So so!

Ich persönlich genieße es ohne Terminplan auf dem Sofa zu sitzen und Musik zu hören. Nicht, weil es Dienstag 18.45 Uhr ist sondern weil ich Lust dazu habe. Aber vielleicht weiß Rolf inzwischen nicht mehr wozu er Lust hat? In der Bahn von Frankfurt nach München nutzt er die Zeit für sein Fernstudium in Psychologie: um „endlich zu sich zu kommen“.

Gott sei Dank gibt es auch viele andere ganz unauffällige Menschen, die wissen, was Ihnen gut tut, wozu sie Lust haben und dass Ihre Lebenszeit abläuft, egal, was sie tun oder nicht tun. Noch.

Bisher erscheinen im „TOP IQ“ Nr. 382 im Heft 2/2016

[1] Lippmann, Eric: Identität im Zeitalter des Chamäleons. Flexibel sein und Farbe bekennen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2014, 196 Seiten, 22,99 Euro, auch bei Buchhandlung Sattler

Disconnectedness – die neue Unverbindlichkeit

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