Neid essen Seele auf

Oder: Bevor einen der eigene Neid auffrisst, sollte man sich fragen, ob man eigentlich haben will, was man anderen neidet

Vor einem Jahr traf ich auf eine große Portion Neid bei jemandem, der hochbegabt ist, einen interessanten Beruf, eine gesunde Familie hat, selbstständig ist und durch weitere Merkmale das Bild eines eher beneidenswerten Daseins bietet.

Sein eigener Neid aber hatte Spuren in seinem Gesicht hinterlassen wie schon unzählig Zigaretten und schlaflose Nächte und seiner Seele schwere Bisswunden verpasst. Sie litt unter schweren Verwundungen, und ich bekam Mitleid mit dem armen Ding.

Zeichnung: Scheer

Er würde nie richtig erfolgreich werden. Überall würde er sofort gemobbt, weil die, die zwar keine Ahnung hätten, aber besser im Machtpoker wären, schnellstens dafür sorgten, dass er quasi handlungsunfähig gemacht würde, bevor er selbst als Urheber irgendeines Erfolges erkannt werden könnte.

Im Grunde hätten alle mehr Einkommen, mehr Einfluss und mehr Glück im Leben als er, und das würde lediglich daran liegen, dass man seine Fähigkeiten fürchte wie der Teufel das Weihwasser, um nicht als das aufzufallen, was sie selbst tatsächlich seien: dumm, einfältig und machtgeil.

Das wäre nun schon in der Zeit seines Angestelltendaseins trotz unzähliger Firmenwechsel so gewesen und jetzt als Selbständiger sei es keinen Deut besser geworden. Nur sei er jetzt nicht mehr von naiven bis dummen Chefs und frechen Kollegen abhängig, sondern von dreisten Kunden, viel zu viel Verwaltung und einfältiger Bürokratie. Er fühlte sich in einem stetigen Sinkflug gefangen. Nur sein Blutdruck hätte noch Spitzenwerte, meint er sarkastisch.

Er war neidisch auf das erfolgreiche Leben der anderen, was ihm aus unerfindlichen Gründen nie vergönnt sein würde. Er würde einen Fehler nach dem anderen machen und wäre unfähig sich anzupassen. Er fragte sich gerade, ob seine Ehe, seine Familie, und sein Selbstwertgefühl überhaupt diesem Druck würden standhalten können. Ich war ernüchtert. Ich konnte ihm nicht wirklich helfen und führte das darauf zurück, dass ich zwar Coach, aber eben gerade jetzt auch Freund war und deswegen vielleicht zu nah dran, um ihn wirklich professionell unterstützen zu können.

Als ich ihn jetzt wieder traf, schien er wie ausgewechselt. Er kam gerade von einer Fahrradtour mit seiner Frau und seinem Sohn zurück. Sie waren 10 Tage durch echtes Aprilwetter entlang des Weser-Radwegs gefahren und hatten einen Heidenspaß gehabt.

Sie waren mit einem befreundeten Paar losgefahren und diese beiden hatte eine steile Karriere in einer Behörde gemacht. „Die Hofmanns, mit denen wir die Weser runtergefahren sind, haben die ganze Zeit auf ihren E-Bikes von ihrem Job geredet. Echt arme Schweine! Die sind tatsächlich neidisch auf uns!“ war sein einziger Kommentar zum Grund seiner derzeitigen Zufriedenheit.

Neid essen Seele auf

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*