Brackmann, Andrea Extrem begabt. Die Persönlichkeitsstruktur von Höchstbegabten und Genies.

281 Seiten, Klett-Cotta, 2020, 28,00 € (Preis wie immer ohne Gewähr)

Andrea Brackmann hat ein neues Buch geschrieben und was soll man sagen: Das hat gerade noch gefehlt! Ich bin begeistert, habe es noch gar nicht ganz gelesen, empfehle es aber jetzt schon jedem, der sich angesprochen fühlt oder sich für diejenigen interessiert, die sich angesprochen fühlen könnten.

Vor allem sollten es neugierige Hochbegabten lesen (und natürlich auch die, die nach dem üblichen Kriterium vom IQ ≥ 130 wohl eher zu den „Höchstbegabten“ gehören). Und die, die immer wieder in bestimmte Fallen tapsen und trotz Tests und deren Ergebnissen immer wieder denken, dass sie mit Ihren Phänomenen fast alleine auf der Welt sind oder dass die Ergebnisse nicht stimmen können. Wiedermal wird mit einigen Vorurteilen aufgeräumt.

Kurz wird klargestellt, um was es sich eigentlich handelt, wenn von Hochbegabung die Rede ist und die Gruppe der Hochbegabten, die jenseits dieser Grenze liegen, werden genauer, individueller betrachtet als es üblich ist. Auch wenn das schwierig ist und viel Recherche erforderte, weil es vor 400 Jahren eben keine IQ-Tests gegeben hat, reizen außerdem die biographischen und vor allem persönlichen Betrachtungen von Prominenten Höchstbegabten wie Pablo Picasso, Frida Kahlo, Marie Curie, Leo Tolstoi, Stephen Hawking, Albert Einstein, Steve Jobs usw. Sie passen angenehm zu einem entspannten Wochenende auf dem Sofa mit Kaffee und Kuchen.

Es wurde schon kritisiert, dass man bei den Berühmtheiten wie Martin Luther oder Vincent van Gogh, das Ehepaar Curie doch nicht mal einen IQ-Test nachweisen könne oder dass Brackmann statt eindeutige Persönlichkeitsbilder zu präsentieren, Widersprüchlichkeiten aneinandergereiht hätte. Sie selbst zitiert sogar Herrn Asperger: „Die menschliche Existenz hat immer ihre Gefährdungen und Schwierigkeiten, wie gerade die höchstbegabte, die geniale Persönlichkeit immer ein Mensch mit seinem Widerspruch ist.“ (Seite 63). Menschen sind offenbar eben nicht so leicht zu beschreiben und in Schubladen zu packen, wie manche – auch Hochbegabte – es gerne hätten. Deswegen sind auch solche Bücher wie das bekannte Werk von James T. Webb „Doppeldiagnosen und Fehldiagnosen bei Hochbegabung“ so wichtig.

Ich frage mich, warum man sich deswegen nicht mit den Persönlichkeiten von solchen Prominenten, die doch immer wieder für alle möglichen Effekte zitiert oder „bemüht“ werden, näher beschäftigen sollte und dabei möglicherweise auch hier und da auf Dinge stößt, die einem mehr als bekannt vorkommen.

Zum zweiten sind Persönlichkeiten eben oft widersprüchlich und das kommt bei Höchstbegabten eben genauso vor, nur da ist es viel auffälliger und anstrengender. Für die Betroffenen selbst, und vor allem auch manchmal für Ihre Umwelt. Wer Angst vor der Vielfältigkeit menschlicher Existenz hat, sollte diese Buch meiden, wer Lust hat auf eine kleine kopfige Abenteuerreise, sei herzlich eingeladen. Das ist gerade die Stärke dieses Buches von Andrea Brackmann: Sie vereinfacht nicht, damit es besser zu lesen ist oder damit der Leser schneller einfache Lösungen oder Diagnosen findet. Liebe Frau Brackmann: Vielen Dank!!

Von meinen fünf Sternen: *****                                                                                                                                                Detlef Scheer

Neuer Titel von Andrea Brackmann: Extrem hochbegabt